{"id":4374,"date":"2022-04-29T03:09:00","date_gmt":"2022-04-29T01:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.progeno.de\/?p=4374"},"modified":"2024-04-26T16:24:19","modified_gmt":"2024-04-26T14:24:19","slug":"old-habits-die-hard-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/2022\/04\/29\/old-habits-die-hard-2\/","title":{"rendered":"Wie kommen wir gemeinsam zu guten Entscheidungen?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Vorwort: Der folgende Artikel erschien in der Ausgabe #7 der Prinzenpost, das ist das Quartiersmagazin des Prinz-Eugen-Parks. Wir dachten, dass der Text auch f\u00fcr die Freihamer interessant sein k\u00f6nnte, daher nehmen wir ihn hier nochmals mit ins Progeno Magazin auf. In der kommenden Ausgabe #8 der Prinzenpost erscheint dann noch eine Fortsetzung zum Thema &#8222;Soziokratie&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo Menschen zusammenleben, m\u00fcssen Entscheidungen getroffen werden. Gerade bei uns im<\/strong> <strong>Quartier gibt es viele Gelegenheiten dazu! Manchmal sind die Regeln zur Entscheidungsfindung<\/strong> <strong>vorgegeben, aber oft stehen wir vor der Aufgabe, selbst Regeln zu entwickeln \u2013 gerade in freie<\/strong>n <strong>Zusammenschl\u00fcssen wie Bewohnergruppen, Quartiersrat, Redaktionsteam oder anderen.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jeder kennt nat\u00fcrlich Abstimmungen und manchmal ist es sinnvoll und auch am einfachsten, wenn die Mehrheit entscheidet. Aber haben Sie nicht schon auch Situationen erlebt, wo Ihnen das gegen den Strich ging? Weil zum Beispiel die berechtigten Interessen einer Minderheit einfach \u00fcberstimmt wurden? Oder weil sich eine kleine lautstarke Gruppe gegen\u00fcber einer schweigenden Mehrheit durchgesetzt hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re doch toll wenn es eine Methode g\u00e4be, mit der man automatisch immer das \u201ebeste\u201c Ergebnis erzielt \u2013 gerecht, Minderheiten ber\u00fccksichtigend, aber auch so, dass Entscheidungen schnell getroffen werden, und so, dass m\u00f6glichst viele die Entscheidung auch mittragen!<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wie sieht sie also aus, die \u201eideale\u201c Methode der Entscheidungsfindung? Gibt es so etwas \u00fcberhaupt?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also anders ausgedr\u00fcckt, wenn eine Gruppe vor einer bestimmten Entscheidung steht, dann gibt es ja oft soviele unterschiedliche Meinungen wie es Mitglieder der Gruppe gibt. Wie findet man nun den Willen der \u201eGruppe\u201c heraus?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die schlechte Nachricht vorweg: Ein solches \u201eideales\u201c Verfahren gibt es nicht. Viele Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker haben sich hier\u00fcber den Kopf zerbrochen, und die Vielzahl der in den Demokratien der Welt vorhandenen Verfahren der Willensbildung zeigt schon, dass es hier offenbar keinen Stein der Weisen gibt \u2013 obwohl man lange geglaubt hat, dass es so etwas geben muss. Vor einigen Jahren hat der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreistr\u00e4ger Kennth Arrow bewiesen, dass es ein solches Verfahren prinzipiell nicht geben kann \u2013 unter sehr allgemeinen Voraussetzungen (n\u00e4heres unter&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arrow-Theorem\"><u>https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arrow-Theorem<\/u><\/a>&nbsp;\u2013 Achtung \u2013 nicht leicht zu lesen).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Also m\u00fcssen wir offenbar damit leben, das es kein ideales Entscheidungsverfahren gibt und jede Entscheidung \u2013 egal wie sie getroffen wird \u2013 unvollkommen ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus vielen Gespr\u00e4chen hat sich gezeigt, dass es wichtig ist, nicht nur das Entscheidungsverfahren zu betrachten, sondern den ganzen Prozess der Entscheidungsfindung in den Blick zu nehmen \u2013 mit allen Beteiligten, denn Entscheidungen haben immer auch etwas mit Beteiligung zu tun. Es hat auch mit der Zusammensetzung der Gruppe zu tun: In einer weitestgehend anonymen Stadtgesellschaft braucht man andere Verfahren als in einer kleinen Gruppe aus engagierten Bewohnern einer Hausgemeinschaft, die \u00fcber lange Zeit eng zusammenleben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Entscheidungsverfahren der \u201egro\u00dfen\u201c Politik ist es z.B. v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich, Gruppen von B\u00fcrgern auszuschlie\u00dfen \u2013 es gibt eine 5%-Klausel, damit politische Prozesse \u00fcberhaupt effizient ablaufen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re in einer Hausgemeinschaft, Bewohnergruppe oder in einem Redaktionsteam sicher undenkbar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daher ist eine der ersten und wichtigsten Erkenntnisse:<\/strong> Eine Gruppe sollte sich intensiv mit dem Prozess der Entscheidungsfindung besch\u00e4ftigen und das f\u00fcr sie passende Verfahren im Dialog herausfinden. Auch dabei wird es nicht das \u201eone fits for all\u201c-Verfahren geben, sondern man wird vielleicht f\u00fcr verschiedenen Arten von Entscheidungen unterschiedliche Verfahren brauchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind also Elemente, die beim Prozess der Entscheidungsfindung ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Wer nimmt an der Entscheidung teil? Muss die ganze Gruppe mitentscheiden oder reicht ein Teil, z.B. die gerade zuf\u00e4llig bei einer Besprechung anwesenden, auch wenn diese nur einen kleinen Teil der gesamten Gruppe repr\u00e4sentieren?<\/li>\n\n\n\n<li>Worum geht es? Wird \u00fcber etwas entschieden, was leicht wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann, oder handelt es sich um eine Entscheidung mit langfristigen, schwerwiegenden Folgen? Wie dringend ist die Entscheidung?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Wer ist betroffen, und wie? Manche Entscheidungen betreffen einzelne Personen unmittelbar und schwerwiegend, w\u00e4hrend andere nicht oder nur am Rande betroffen sind. Haben die Personen, die besonders betroffen sind, einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf die Entscheidung wie die, die wenig betroffen sind?<\/li>\n\n\n\n<li>Haben alle Beteiligten den gleichen Informationsstand? Viele Probleme bei Entscheidungsfindungen kommen daher, dass viele Beteiligte nicht genau wissen, worum es eigentlich geht, oder der zu entscheidende Punkt ist nur ungenau beschrieben. Es kann sehr m\u00fchsam \u2013 aber auch sehr lohnend \u2013 sein, alle auf den gleichen Stand zu bringen!<\/li>\n\n\n\n<li>Hat die Gruppe \u00fcberhaupt die Kompetenz oder die M\u00f6glichkeit, die einmal getroffene Entscheidung auch durchzusetzen? Es kann sehr frustrierend sein, Zeit und M\u00fche in einen Entscheidungsprozess zu stecken, um hinterher festzustellen, dass man gar keine M\u00f6glichkeit hat, die m\u00fchsam getroffene Entscheidung auch tats\u00e4chlich umzusetzen.<br><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/einflussfaktoren_entscheidungsfindung-1024x522.png?resize=730%2C373&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-4398\" width=\"730\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/einflussfaktoren_entscheidungsfindung.png?resize=1024%2C522&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/einflussfaktoren_entscheidungsfindung.png?resize=300%2C153&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/einflussfaktoren_entscheidungsfindung.png?resize=768%2C392&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/einflussfaktoren_entscheidungsfindung.png?w=1282&amp;ssl=1 1282w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Aufz\u00e4hlung kann sicher noch erweitert werden, zeigt aber vielleicht schon einmal, dass neben dem Entscheidungsverfahren noch viele andere Aspekte eine Rolle spielen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Aber welche M\u00f6glichkeiten gibt es dann f\u00fcr die eigentliche Entscheidung, und f\u00fcr welche Arten von Entscheidungen eignen sie sich?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Auch wenn es eine Vielzahl von Varianten gibt, m\u00f6chte ich doch eine Einteilung in drei grobe Kategorien vorschlagen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Hierarchische Verfahren<br><\/strong>Hier wird die Entscheidungskompetenz an einige wenige Personen delegiert, die dann eigenverantwortlich handelt. Beispiele sind politische \u00c4mter, Unternehmensf\u00fchrung und Management, also Bereiche, in denen hohe Fachkompetenz und schnelle Entscheidungen notwendig sind. Eine formale Beteiligung findet nicht statt, es gibt aber verschiedene M\u00f6glichkeiten, die Gruppe einzubeziehen \u2013 z.B. durch Einholung eines Meinungsbildes.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Demokratische Verfahren<br><\/strong>Hier wird die Entscheidung von der gesamten Gruppe durch Abstimmung gef\u00e4llt. Es gibt eine Vielzahl von Varianten \u2013 unterschiedliche Mehrheitserfordernisse, Erforderniss eines Quorums, verschiedene Verfahren, das Stimmrecht zu verteilen oder unterschiedlich zu gewichten.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Konsens-Verfahren<\/strong> <br>Hierbei wird versucht, in der Gruppe einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Konsens zu erzielen. Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Varianten \u2013 vom reinen Konsensprinzip, wo so lange diskutiert wird, bis alle sich einig sind, \u00fcber den \u201eKonsens minus 1\u201c, bis hin zu soziokratischen Verfahren, bei denen man nicht versucht, einen vollst\u00e4ndigen Konsens zu erreichen, sondern die Entscheidung mit dem geringsten Widerstand zu f\u00e4llen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/methoden_entscheidungsfindung-1024x528.png?resize=730%2C376&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-4396\" width=\"730\" height=\"376\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/methoden_entscheidungsfindung.png?resize=1024%2C528&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/methoden_entscheidungsfindung.png?resize=300%2C155&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/methoden_entscheidungsfindung.png?resize=768%2C396&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/methoden_entscheidungsfindung.png?w=1280&amp;ssl=1 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist vielleicht deutlich geworden, dass das Thema \u201eEntscheidungsfindung\u201c nicht mit einfachen Rezepten zu l\u00f6sen ist, sondern einer genauen Besch\u00e4ftigung mit dem Einzelfall und der individuellen Gruppe bedarf. Im Prinz-Eugen-Park wurde hierzu schon in vielen Gruppen experimentiert und es sind viele Erfahrungen gesammelt worden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/magazin-neu.progeno.de\/index.php\/redaktionsteam\/\">Christoph Mussenbrock<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort: Der folgende Artikel erschien in der Ausgabe #7 der Prinzenpost, das ist das Quartiersmagazin&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4432,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[4],"tags":[265,203,199,200,201,204,202,205],"class_list":["post-4374","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-vor-und-nachgedachtes","tag-ausgabe-4","tag-effekt","tag-gewohnheit","tag-lehren","tag-lernen","tag-reaktion","tag-test","tag-veraendern"],"acf":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/entscheidungsf_beitragsbild.jpg?fit=591%2C591&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4374"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7873,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4374\/revisions\/7873"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4432"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}