{"id":6070,"date":"2023-05-17T15:57:00","date_gmt":"2023-05-17T13:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.progeno.de\/?p=6070"},"modified":"2023-05-17T21:46:53","modified_gmt":"2023-05-17T19:46:53","slug":"frueh-die-welt-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/2023\/05\/17\/frueh-die-welt-entdeckt\/","title":{"rendered":"Fr\u00fch die Welt entdeckt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einblick in eine internationale Nachkriegs-Biographie <\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Tina K\u00f6hler, Fan des ersten Projekts, im Gespr\u00e4ch mit Felizitas Mussenbrock-Strau\u00df \u00fcber Herkunft, bundesdeutsche Lebenswelt, berufliche Herausforderungen und hiesige Lokalpolitik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Fangen wir einfach an, oder Tina? Dir ist ja nicht ganz unbekannt, in welchem Format wir uns hier bewegen. Unser Magazin ist f\u00fcr alle Mitglieder, also f\u00fcr die wohnenden Mitglieder und f\u00fcr die nicht wohnenden Mitglieder. Und da ist es eben sch\u00f6n, dass wir dich als Stimme eines nicht wohnenden Mitgliedes heute hier haben. Ich erinnere mich, dass du Anfang 2017 &#8211; Du warst gerade  Mitglied geworden &#8211; zwei Gruppen von Progeno-Leuten exklusiv durch das Haus der Kunst gef\u00fchrt hast &#8211; besonders war, dass du uns viel \u00fcber Hintergr\u00fcnde erz\u00e4hlen konntest. Ich fand das eine prima M\u00f6glichkeit &#8211; da kommt mir, dass wir so ein Format vielleicht nochmals zusammen aufsetzen k\u00f6nnten. <\/em><br><em>Ja, Du hattest im Vorgespr\u00e4ch bereits drei Bereiche genannt, die du gern einbringen willst: Dich pers\u00f6nlich, also wo du herkommst, was dich gepr\u00e4gt hat, weiter von deinem beruflichen Hintergrund und dann &#8211; f\u00fcr uns auch sehr interessant -, was du als hiesige Einheimische erz\u00e4hlen kannst; das ber\u00fchrt einige politische, gesellschaftliche, soziale Themen, insbesondere im Zusammenhang von Oberf\u00f6hring.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hei\u00dfe ja eigentlich nicht Tina, sondern Christina und bin 1955 in Ostberlin geboren. Damit&nbsp; ist eigentlich schon ganz viel gesagt &#8211; ich bin also zehn Jahre nach Kriegsende geboren, im geteilten Berlin.<em> <\/em>Und somit w\u00fcrde ich mich wirklich in allen Punkten als eine ganz klassische Nachkriegs-Biografie sehen und die meiner Eltern auch; sie haben beide am Alexanderplatz gearbeitet, also im Ost-Berliner Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was haben deine Eltern denn gearbeitet?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater war Bauingenieur und meine Mutter hat im B\u00fcro der Ingenieure mitgearbeitet. Bauen war einfach das Thema der Zeit. Zu meinem Vater sagte mein Urgro\u00dfvater: \u201eLernt bauen &#8211;&nbsp; es brauchen alle H\u00e4user und da bist du schon richtig!\u201c<em><br><\/em>Mein Gro\u00dfvater war noch Schneidermeister in der Lausitz in der Tuchproduktions-Stadt Forst. Das war das Manchester von Deutschland. Er h\u00e4tte gern gehabt, dass mein Vater auch Schneider wird. Dann war aber eben der Krieg. Mein Vater war zu jung (Jahrgang 1929), um noch eingezogen zu werden. Er merkte relativ schnell, dass das Leben in Ostberlin nicht unbedingt das war, was er sich unter sozialistischen und einem besseren Deutschland vorgestellt hatte; dabei war mein Vater durchaus Sozialdemokrat oder auch sozialistisch. Er wollte bald schnell weg, vor allem wegen der fehlenden Freiheit &#8211; der Zwang im Arbeitskollektiv, auf die 1. Mai Demo gehen zu m\u00fcssen &#8211; das alles war zu fremdbestimmt. Die Gedanken zum Weggang konnte man ja keinem erz\u00e4hlen; das war nur was zwischen meinen Eltern.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dann habe ich diese klassische Fl\u00fcchtlingsgeschichte durchgemacht. Erst mal in das Auffanglager in Berlin &#8230; wir landeten kurz in einem Fl\u00fcchtlingslager in Gie\u00dfen und wurden dann nach Stuttgart Stammheim weitergeschickt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wir sind dann Ostern 1961, also kurz vor dem Mauerbau, einfach mit der S Bahn von Ost-Berlin nach Westberlin gefahren; ich war da sechs Jahre alt. Ich wurde schon in West-Berlin zu Ostern eingeschult, lebte dann noch bei den Gro\u00dfeltern. Meine Eltern haben versucht mitzunehmen, was m\u00f6glich war, wie die Briefmarkensammlung meines Vaters, viel Bettw\u00e4sche und Besteck. Das wurde immer in den Kinderwagen von meinem Bruder gepackt und mein kleiner Bruder oben drauf. Und so fuhr meine Mutter in den Westen und lieferte das bei Opa ab. So haben sie einige Dinge r\u00fcber geschafft, die ihnen irgendwie wichtig waren. Aber der ganze Rest &#8211; die gar noch gar nicht so alte Wohnungseinrichtung inklusive Fernseher usw. &#8211; blieb alles einfach zur\u00fcck, haben die Wohnung zugesperrt und den Schl\u00fcssel in den Briefkasten geworfen. Dann habe ich diese klassische Fl\u00fcchtlingsgeschichte durchgemacht. Erst mal in das Auffanglager in Berlin, wo man sich registrieren musste. Dann bekam man von der Bundesregierung einen Flug &#8211; das war mein erster Lufthansa-Flug nach Frankfurt. Mein Vater hatte sofort ein Arbeitsangebot in Darmstadt; wir landeten kurz in einem Fl\u00fcchtlingslager in Gie\u00dfen und wurden dann nach Stuttgart Stammheim weitergeschickt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir war das Leben dort?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dort waren wir als ganze Familie \u00fcber ein Jahr, alle in so Etagenbetten in einem Zimmer. Mein Vater ging arbeiten und kam nur am Wochenende heim, meine Mutter ging auch irgendwie arbeiten, mein Bruder war ganztags im Kindergarten, ich ging in die Schule. Bei mir lief vieles von selbst und ich war von Anfang an gut in der Schule; ich glaube, ich bin eben durch diese Situation eigentlich schon als Kind erwachsen gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Also fr\u00fch sehr selbstst\u00e4ndig?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Also ich habe halt fr\u00fch ein bestimmtes Muster kreiert: Augen zu und durch und man kann eh nix \u00e4ndern!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"730\" height=\"548\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1-1024x768.jpg?resize=730%2C548&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6109\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?resize=1536%2C1152&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?resize=2048%2C1536&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?w=1460&amp;ssl=1 1460w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?w=2190&amp;ssl=1 2190w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Tina in ihrer Wohnung<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Also nicht sehr wehleidig oder selbstmitleidig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, man musste einfach irgendwie funktionieren und ich glaube, dass ich das Beste draus machte; ich wollte viel wissen, wurde eine Leseratte, konnte mir so andere Welten erschlie\u00dfen. Mein Vater hat dann einen Job in Bayern gefunden, wir konnten also raus aus dem Lager und hatten unsere erste eigene Wohnung im Markt Schwaben, also in einem Kuhdorf in Bayern &#8211; vom Schw\u00e4bischen ins katholische Bayerische (hier beteten sie alle das Kruzifix im Klassenzimmer an &#8211;&nbsp; ach ja, ein Kulturschock).<br>Meine Mutter war dann bald schwanger mit dem dritten Kind, meiner Schwester; mein Vater fand eine Sozialwohnung in der Franz-Wolter-Stra\u00dfe hier in Oberf\u00f6hring; dieses Viertel wurde ja in den 50er Jahren aus dem Boden gestampft, f\u00fcr sehr viele junge Familien.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wie ging die Geschichte weiter?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin also bis zum Abitur ins Sophie-Scholl Gymnasium &#8211; eine super fortschrittliche Schule, mit einem gerade neu erfundenen sozialwissenschaftlichen Zweig, mit viel Sozialkunde, Geschichte und Erziehungslehre &#8211; alles sehr spannend, auch was wir \u00fcber andere Kulturen und Gesellschaften gelernt haben, es gab auch z. B. Praktika im Krankenhaus und in anderen sozialen Einrichtungen. Es war super, wir hatten total junge Lehrer, alle Achtundsechziger. Wir erlebten in der Schule den damaligen Zeitgeist von 1968 sehr unmittelbar und intensiv. Gleichzeitig haben in Schwabing die Studenten demonstriert, wir als 13-J\u00e4hrige sind da gleich mit! Dadurch wurde ich sehr zum Nachdenken angeregt und zum Hinterfragen. Zu Hause hatten es meine Eltern dann nicht sehr leicht, weil ich das ja alles nach Hause getragen habe. Ich bin sehr fr\u00fch in die SPD eingetreten, also mit 16, habe mich selber auf Willy Brandt berufen, der auch mit 16 eingetreten ist. Es war diese sozialdemokratische Zeit, der ich sicher auch bildungspolitisch viel verdanke, denn es gab Chancengleichheit.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wir erlebten in der Schule den damaligen Zeitgeist von 1968 sehr unmittelbar und intensiv. Gleichzeitig haben in Schwabing die Studenten demonstriert, wir als 13-J\u00e4hrige sind da gleich mit!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich finde wichtig, dass man heute noch mal reflektiert, wie die Politik auch tats\u00e4chlich etwas ver\u00e4ndern kann. Z. B f\u00e4llt mir immer, wenn ich zu euch komme &#8211;&nbsp; am Maria-Nindl-Platz vorbei &#8211; wie sich Maria Nindl so sehr im Elternbeirat engagiert hat. Damals gab es noch Konfessionsschulen und Maria ist wirklich Unterschriften sammeln gegangen gegen die Konfessionsschulen, da dort nur getaufte Kinder hin durften. Es war \u00fcberall eine tolle Aufbruchstimmung und in unserer Siedlung war es ein bisschen wie in dieser Genossenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du meinst die Siedlung, in der ihr lange gewohnt habt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Genau, wir haben einfach viele Sachen zusammen gemacht, in Urlaub zusammen fahren oder oft in die Berge oder Geburtstage zusammen feiern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wie ging es weiter?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Uni, zun\u00e4chst mit Germanistik, Geschichte und Politik, aber mein eigentliches Interesse lag beim Ballett, klassischer Musik, der Oper und dar\u00fcber bei der bildenden Kunst und ja, dem Theater. Ich hatte ganz viele Konflikte mit meinen sozialistischen Freunden, weil sie das alles f\u00fcr Bourgeois hielten. Ich fand die relativ fr\u00fch ideologisch komplett vernagelt und auch wirklich ungebildet. Ich konnte mit ihnen nicht teilen, was eigentlich Kunst ausmacht, n\u00e4mlich, dass es Dinge gibt, die man gar nicht sagen kann und die auch schwer anderen mitzuteilen sind, wenn sie nicht selber diese Erfahrungen machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich verstehe dich so: Du konntest ihnen nur bedingt vermitteln, was du in der Kunst erlebst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es war da eine ideologische Verblendung; ich habe zur Kunst von zu Hause nicht wirklich viel mitbekommen, zur Kultur kam ich eigentlich durch meinen Sch\u00fcleraustausch in London. Meine Eltern haben mich da einfach hingeschickt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ja, es ist wichtig, den Kindern etwas zuzutrauen, dass sie diese Offenheit lernen und die damit verbundene Angstfreiheit, um mit Situationen umzugehen, die unbekannt sind \u2013 einfach neugierig werden auf fremde Leute und Leben!&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es war zu meiner Zeit eh\u2019 anders als heute vielfach &#8211; meine Mutter hat nicht ein einziges Mal irgendwie geguckt, was ich an Hausaufgaben mache. Ich habe einfach meine Dinge alle selber geregelt.&nbsp;<br>Aber zur\u00fcck zu London: Ich kam in so eine wahnsinnig interessierte Familie, die mich \u00fcberall mitschleppten, also ins Theater, in die National Gallery. Da gingen mir wirklich die Augen auf. In M\u00fcnchen habe ich dann \u00e4hnliche Institutionen entdeckt.<br>Nach der Uni konnte ich mir ja Lehrer-Sein nicht vorstellen. Mein erster Job war dann eher zuf\u00e4llig bei der Filmhochschule, wo ich Filme organisiert habe und dabei festgestellt habe, dass Organisieren auch irgendwie was ist, was nicht jeder kann, offensichtlich ich aber schon. So \u00e4hnlich wie man Filme organisiert, organisiert man wahrscheinlich auch Ausstellungen, dachte ich mir. Das war eben Ende der 70er Jahre, als es gerade anfing, dass \u00fcberhaupt Ausstellungen gemacht wurden. Da es in M\u00fcnchen das Haus der Kunst gab, gab es hier immer schon Ausstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kurz zur Erkl\u00e4rung: Es gibt Museen mit einer festen Sammlung und eben H\u00e4user mit wechselnden Ausstellungen. Das ist nun ein Schwenk zum Beruflichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach verschiedenen Erfahrungen beim Film bin ich also irgendwann zum Haus der Kunst gegangen. Da musste ich erst noch kl\u00e4ren, ob ich noch Kunstgeschichte studieren muss, aber die Direktorin meinte, dass ich eigentlich gleich anfangen k\u00f6nnte, da sie jemand wie mich br\u00e4uchten. Das war dann also ein Learning by doing, viel auch intuitiv.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du warst dann lange im Haus der Kunst f\u00fcr die Ausstellungsorganisation zust\u00e4ndig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich fing damit an, diesen Ausstellungsbetrieb \u00fcberhaupt zu strukturieren und zu professionalisieren, habe zwischendrin Praktika in der National Gallery in Washington und am Philadelphia Museum of Art gemacht und dabei viel von den Amerikanern gelernt. Es gab dort viel zeitgen\u00f6ssische Kunst und moderne Kunst. Sie hatten diese Unterbrechung in der Hitlerzeit ja nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kannst du in drei oder f\u00fcnf S\u00e4tzen kurz sagen, was du zu tun hattest?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den ganzen Prozess rund um die Leihgaben organisiert, dazu geh\u00f6ren die Leih-Vertr\u00e4ge, der p\u00fcnktliche Transport, der \u00dcberblick \u00fcber das daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung gestellte Budget, der Aufbau vor Ort und die Orga der R\u00e4ume, die entweder gestrichen, tapeziert oder noch mit W\u00e4nde erstellt werden mussten (also viel Kontakt mit Firmen, wie Schreiner, Maler und Schlosser).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sehr praktische Dinge also!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, vom Auspacken der Werke \u00fcber die Kontakte mit den Restauratoren bis zum Aufh\u00e4ngen der Werke; dabei habe ich ein Team aufgebaut. Ich bekam vom Kurator, der Kuratorin (die zust\u00e4ndig f\u00fcr die Konzeption sind) einen Plan mit den W\u00fcnschen zu den Bildern und R\u00e4umen; den habe ich dann umgesetzt. So kam ich mehr und mehr in die direkte Zusammenarbeit mit lebenden K\u00fcnstlern, was nat\u00fcrlich sehr spannend war; es ging also viel um zeitgen\u00f6ssische Kunst. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Diese T\u00e4tigkeiten haben mir die Augen f\u00fcr ganz andere Dinge ge\u00f6ffnet hat, n\u00e4mlich f\u00fcr Kolonialismus, Rassismus und \u00fcberhaupt Diskriminierung. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Irgendwann habe ich mich dann auch auf schwierige Destinationen spezialisiert, z. B. Indien und die Emirate, L\u00e4nder, in die kein anderer wollte (in Indien war ich privat mehrmals gewesen). Diese T\u00e4tigkeiten haben mir die Augen f\u00fcr ganz andere Dinge ge\u00f6ffnet hat, n\u00e4mlich f\u00fcr Kolonialismus, Rassismus und \u00fcberhaupt Diskriminierung. Mein alter Chef Okwui Enwezor (nigerianischer Kurator und Autor) brachte tats\u00e4chlich auch die Themen des Postkolonialismus ins Haus der Kunst. Seit der Zusammenarbeit mit ihm sehe ich die ganze Welt v\u00f6llig anders, auch die anderen Museen, z. B. den Louvre und so.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"730\" height=\"548\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501-1024x768.jpg?resize=730%2C548&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6111\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?resize=1536%2C1152&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?resize=2048%2C1536&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?w=1460&amp;ssl=1 1460w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20181122_150501.jpg?w=2190&amp;ssl=1 2190w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Blick auf die Skyline in Doha<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Kannst du das etwas erl\u00e4utern?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Besch\u00e4ftigung mit der Frage, woher die Ausstellungsst\u00fccke kommen? Die sind eben vielfach geraubt worden. Und ich sehe, warum manche Museen gro\u00df und reich und warum andere arm und klein sind &#8211; ein Blick in die globale Menschheitsgeschichte. Da ist mir einiges aufgegangen, warum manches so in der Welt l\u00e4uft.<em><br><\/em>Nach dem tragischen und viel zu fr\u00fchen Tod meines Direktors Okwui Enwezor habe ich das Haus der Kunst verlassen, offen f\u00fcr Neues. Ich bekam \u00fcberraschend ein Angebot aus Qatar und wurde Head Exhibitions am Museum f\u00fcr Moderne arabische Kunst in Doha. Das waren dann wirklich zwei tolle Jahre, das Kennenlernen einer anderen Kultur eine absolute Bereicherung. W\u00e4hrend der Pandemie habe ich mit einigen anderen Museen gearbeitet, z. B. f\u00fcr den Gropius Bau in Berlin. Ansonsten lese ich nach wie vor gern, gehe ins Theater, ins Kino, in die Oper. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt nochmals hier zu unserem Quartier und den hiesigen Stra\u00dfennamen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Maria Nindl ist eine lokale Gr\u00f6\u00dfe gewesen, Eugen Jochum war Dirigent an der Oper und J\u00f6rg Hube Schauspieler und Lehrer an der Falckenberg Schule &#8211; und Ruth Drexel eine bayerische Volksschauspielerin und Charakterdarstellerin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"730\" height=\"548\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-1024x768.jpg?resize=730%2C548&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6110\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?resize=1536%2C1152&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?resize=2048%2C1536&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?w=1460&amp;ssl=1 1460w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_215333-scaled.jpg?w=2190&amp;ssl=1 2190w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Maria Nindl beim Faschingszug Oberf\u00f6hring, neben ihr als Dienstmann Hans Kolo, damals SPD Landtagsabgeordneter <\/em>(Foto: Eckhard K\u00f6hler)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Du hast sie selbst alle erlebt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, au\u00dfer Eugen Jochum nicht, besonders nah war Maria Nindl, sie war eine wirklich gute Freundin und Mit-Genossin in der SPD. Sie hatte vier Kinder, war sehr im Elternbeirat engagiert und eine super Stadtr\u00e4tin; sie hat mit meinem Vater zusammen hier im 13. Bezirksausschuss z. B. f\u00fcr die Tram gek\u00e4mpft, denn es gab bis dahin nur eine uns\u00e4gliche Verbindung. Bevor beide fast zeitgleich starben, konnten sie im Dezember 2011 noch die erste Fahrt mit dieser neuen Tram mitmachen &#8211; das war f\u00fcr beide eine gro\u00dfe Freude!. Das andere tolle Projekt, f\u00fcr das sie gek\u00e4mpft haben, war das Cosimabad. Es ging also wirklich um den Ausbau der Oberf\u00f6hringer Infrastruktur in vielfacher Hinsicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wie kamst du nun auf unsere Genossenschaft?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, normalerweise wohnen hier alle Menschen sehr lange zur Miete (meine Mutter wohnt seit 1963 in derselben Wohnung). Alle Wohnungen hier fielen aus der Sozialbindung und wurden verh\u00f6kert. Dann fing das an, dass sich die Konzerne, wie die Vonovia, alles unter den Nagel gerissen, jede Renovierung boykottierten und die Preise diktierten. In diesem Zusammenhang war ich dann auch sehr neugierig, wie sich das hier so entwickeln w\u00fcrde; hatte mittlerweile auch schon von Genossenschaften in der Schweiz geh\u00f6rt. Hier kannte ich nur die alte Genossenschaft in der Borstei . Au\u00dferdem hatte ich&nbsp; mich auch schon immer mit Jochen Vogel besch\u00e4ftigt, der ein wunderbares Buch \u00fcber das Wohnen bzw. die Bodenfrage geschrieben hat, was heute topaktuell ist. Er hat vor 30 Jahren schon alles gesagt und keiner hat&#8217;s umgesetzt; also, dass mit dem Boden kein Gesch\u00e4ft gemacht werden darf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"730\" height=\"973\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin-neu.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-768x1024.jpg?resize=730%2C973&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6139\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?resize=1152%2C1536&amp;ssl=1 1152w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?resize=1536%2C2048&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230425_214412-scaled.jpg?w=1460&amp;ssl=1 1460w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Ja, Jochen Vogel habe ich kurz vor seinem Tod noch bei einer Veranstaltung im Salon Luitpold erlebt &#8211; sehr beeindruckend!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und so war ich schon immer gespannt, was sich hier entwickeln w\u00fcrde. Ich finde diese Art des genossenschaftlichen Wohnens die einzige Zukunft und auch sehr spannend, was hier so l\u00e4uft. Wenn ich ab und zu&nbsp; Familie Brekalo mit ihren beiden Jungs besuche, denen ich vorlese, erlebe ich im Hof die vielen spielenden Kinder im Hof &#8211; sehr lebendig!<br>F\u00fcr meine aktuelle Situation passt das noch nicht. Denn ich kann mich derzeit wohnungsm\u00e4\u00dfig noch nicht ver\u00e4ndern, da ich immer noch mit Ausstellungen unterwegs bin, viel reise und zwischen r\u00fcstiger Mutter in Oberf\u00f6hring, meiner Bleibe in Schwabing und der Wohnung meiner Gro\u00dfeltern am Chiemsee pendel \u2026 Mit 70 Jahren werde ich weitere Entscheidungen treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann sind wir mal gespannt auf deinen 70. Geburtstag!<br>Jedenfalls ganz herzlichen Dank f\u00fcr unser ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch und f\u00fcr deine Offenheit &#8211; das sind alles sehr spannende und vielf\u00e4ltige Aspekte deines bunten Lebens, die wir erfahren durften.<br>Ja, das regt mich an, im Kreise unserer nicht-wohnenden Mitglieder weitere Menschen aufzusp\u00fcren, die uns aus ihrem Leben erz\u00e4hlen wollen &#8211; k\u00f6nnte echt eine Reihe werden in unserem Magazin! Tut immer gut, \u00fcber den Tellerrand zu schauen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/magazin-neu.progeno.de\/index.php\/redaktionsteam\/\">Felizitas Mussenbrock-Strau\u00df<\/a> | Fotos: Tina K\u00f6hler <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einblick in eine internationale Nachkriegs-Biographie Tina K\u00f6hler, Fan des ersten Projekts, im Gespr\u00e4ch mit Felizitas&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":6109,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[3],"tags":[441,546,399,459,458,456,460,455,457],"class_list":["post-6070","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leute-und-leben","tag-ausgabe-6","tag-christina-koehler","tag-herkunft","tag-kultur","tag-kunstbetrieb","tag-lebensgeschichte","tag-lokalpolitik","tag-nicht-wohnendes-mitglied","tag-oberfoehring"],"acf":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/magazin.progeno.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20180606_181915-1.jpg?fit=2560%2C1920&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6070"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6070\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6468,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6070\/revisions\/6468"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6109"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/magazin.progeno.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}