
Überleben im Wortgefecht
Jedem und jeder von uns ist es im bisherigen Leben ab und zu mal passiert, dass man etwas gesagt hast – und die Reaktion darauf war eine völlig andere und noch dazu heftigere als eigentlich gedacht oder beabsichtigt.
Insbesondere im Zusammenhang mit Diskussionen und Streitereien werden dabei vorzugsweise solche anscheinend einfachen Wörter wie das DU, das IMMER, das NIE und das NICHT verwendet.
Diese Wörter haben jedoch ein gewaltiges Potential in sich, denn sie wirken wie kleine rhetorische Giftpfeile. Man wirft sie unbedacht in den Raum und wundert sich, warum sie sich in das Herz des oder der anderen senken und zuweilen eine Höllenfahrt auslösen können. Schauen wir sie uns deshalb etwas näher an.
1. Das „Du“ – Der ausgestreckte Zeigefinger
Sätze, die mit „Du“ beginnen, haben eine Trefferquote von 100% – leider meistens direkt in das Ego des Gegenübers.
Vorgedacht: „Du hast schon wieder vergessen, den Müll rauszubringen!“
Nachgedacht: Eigentlich wollte ich sagen, dass es hier drin riecht wie in einer Biogasanlage im Hochsommer. Aber indem ich mit „Du“ anfange, habe ich dich gerade zum alleinigen Herrscher über den Abfall und zum Hauptschuldigen für den kommenden Madenbefall erklärt.
Der Effekt: Wer ein „Du“ hört, schaltet sofort in den Verteidigungsmodus. Das Hirn des Partners signalisiert: „Achtung, Angriff! Schilde hoch! Erinnere dich an den Fehler, den sie 2014 gemacht hat, und bereite den Gegenschlag vor!“
2. Das „Immer“ – Endlose Schuld
„Immer“ ist ein Wort für Götter und schlechte Schlagertexte. Im Alltag ist es die rhetorische Höchststrafe: Die lebenslange Haftung für ein! aktuelles Fehlverhalten.
Vorgedacht: „Immer lässt du deineWäsche in der Wohnung rumliegen!“
Nachgedacht: In Wahrheit liegt sie heute dort. Und vielleicht letzte Woche. Aber durch das „Immer“ behaupte ich, dass du seit deiner Geburt niemals auch nur eine Socke in den Wäschekorb befördert hast.
3. Das „Nie“ – Die totale Auslöschung
Wenn „Immer“ die Unendlichkeit ist, dann ist „Nie“ das schwarze Loch der Kommunikation. Es saugt alles Licht und jede positive Erinnerung auf.
Vorgedacht: „Du hörst mir nie zu!“
Nachgedacht: Während ich das sage, hörst du mir gerade zu (sonst hättest du ja nicht genervt die Augen verdreht). Das „Nie“ löscht also die aktuelle Realität aus. Es ist die verbale Atombombe: Wenn ich sage „Du hast mir nie Blumen mitgebracht“, ignoriere ich den Pralinenkasten von letzter Woche, weil er nicht in mein aktuelles Drama-Konzept passt.
Das Problem am „Nie“ ist seine mathematische Präzision. Es braucht nur ein einziges Gegenbeispiel, um das gesamte Argument in sich zusammenfallen zu lassen. Und glaubt mir: Der Partner wird dieses Gegenbeispiel finden. Er wird es aus den Archiven seines (oder auch ihres) Gedächtnisses ausgraben.
4. Das „Nicht“ – Denk nicht an einen rosa Elefanten
Das Gehirn ist ein faszinierendes Organ, aber es hat eine Schwäche: Es kann das Wort „Nicht“ nicht verarbeiten, ohne sofort ein Bild der Sache zu erzeugen, die man eigentlich vermeiden will.
Vorgedacht: „Sei doch nicht immer so empfindlich!“
Nachgedacht: Was passiert? Du wirst garantiert empfindlich. „Nicht“ ist die beste Methode, um genau das Verhalten zu provozieren, das man unterbinden will. Es ist wie der neue Knopf mit der Aufschrift „Bitte nicht drücken“. Die Aufschrift ist schon jetzt bereits schlecht zu lesen.
Das Fazit: Überleben im Wortgefecht
Wenn wir „Du ,immer, nie, nicht“ kombinieren, erschaffen wir das Monster der Kommunikation. „Du hörst mir nie zu, wenn ich sage, dass du nicht immer so laut schreien sollst!“ – Dieser Satz ist so toxisch, dass man danach eigentlich sofort eine Eheberatung oder ein neues Identitätsschutzprogramm braucht.
Die Überlebensstrategie:
Versucht es mal mit dem „Ich-Modell“. Es klingt zwar am Anfang, als hätte ich zu viel Yoga-Tee getrunken, aber es verhindert Blutvergießen.
Statt: „Du bist immer so unpünktlich!“
Versuch: „Ich fühle mich wie ein begossener Pudel, wenn ich hier 20 Minuten im Regen stehe.“ Stopp sofort den Zusatz:…“nur, weil DU zu spät kommst.“
Klingt das komisch? Fühlt man sich seltsam? Kann sein. Aber der/die andere wird dabei nicht zur Zielscheibe. Und das allein ist der alles entscheidende Punkt. Kommunikation ist am Ende wie Kochen: Wer zu viel „Du“-Salz und „Immer“-Pfeffer benutzt, verdirbt die Suppe. Wer hingegen „Nicht“ weglässt und stattdessen sagt, was er (oder sie) will, statt was er oder sie nicht will, bekommt vielleicht sogar das, was er oder sie möchte.
